Autor David Grossman

דויד גרוסמן:
נופל מחוץ לזמן. סיפור בקולות

David Grossman:
Aus der Zeit fallen

Die „Erzählung in Stimmen“ Aus der Zeit fallen (nofel me-chutz la-sman. sippur be-kolot, heb. 2011, dt. 2013) ist David Grossmans Versuch, den Verlust seines Sohnes literarisch zu bearbeiten und seine ganz persönlichen Bilder über das, was die Trauer mit dem Trauernden macht, der weiterleben muss, zu formulieren.

David Grossman hat sich im ersten Jahr nach dem Erscheinen dieses Buches in Israel überhaupt nicht öffentlich zu ihm geäußert. Im Januar 2012 erklärte er dann in Deutschland bei einer Veranstaltung des Literaturhauses in Bonn: „Nachdem wir diesem Schicksalsschlag nicht entrinnen konnten und Exil über uns verhängt war, denn Trauer bedeutet im Exil zu leben, sein Zuhause verloren zu haben, wollte ich dieses ,Land der Verdammung‘ dann doch wenigstens möglichst präzise in meiner Sprache beschreiben und eine Art Topografie von ihm anlegen.“

Hörspiel, moderne Lyrik

Stilistisch ist das Original keinem Genre klar zuzuordnen. Einerseits ist es ein Text „für Stimmen“, ähnlich einem Hörspiel, zum anderen suggerieren die oft abgehackten Kurzzeilen mit gelegentlichen Binnenreimen und Enjambements in beinah jeder Zeile, dass es sich um eine Form von moderner Lyrik handelt. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die trauernden Figuren erklären, das Lied oder der Gesang sei die wahre Sprache ihrer Trauer.

Zudem ist der Text mit seinem geradezu fantasyähnlichen Repertoire von Figuren (ein Herzog, ein Chronist der Stadt, ein Schuster, eine Hebamme, eine Netzflickerin, ein Zentaur) außerhalb der bekannten Orts- und Zeitkoordinaten angesiedelt, und die Sprachstile der verschiedenen Figuren reichen von Slang bis hin zu philosophisch reflektierten Formulierungen. All diese Figuren sind unterwegs zu einem fiktiven Ort, an dem sie ein Wiedersehen mit ihren toten Kindern erhoffen.

התרגום

Die Übersetzung

Die beiden Erzählerstimmen, der Chronist und der Zentaur, sprechen in fortlaufender Prosa. Alle anderen Stimmen spiegeln das Zerbrechen der Sprache angesichts des Todes; sie sprechen in zerbrochener Syntax kurze, abgehackte Zeilen. Diese werden aber durch viele, oft sehr überraschende Reime – auf Hebräisch kann man leicht reimen – zusammengehalten, die ihnen eine sonderbare Kraft und Schönheit verleihen.

Lesung entspricht nicht dem Textbild

Wenn Grossman den Text jedoch vorliest – es ist ja ein Text „für Stimmen“, der übers Ohr wirkt – übergeht er all diese Brüche und liest ihn beinahe wie normal gesprochene Sprache. Erst die Klänge, die entstehen, wenn der lebendige menschliche Atem den Text belebt, überwinden das objektive Schriftbild der „unverrückbaren“ Tatsachen des Lebens.

Als ich Grossman das erste Mal bei einer Veranstaltung so lesen hörte, musste ich mich entscheiden, ob ich mit dem Schriftbild oder mit dem Atem des Autors gehen sollte, und entschied mich, vorrangig die von ihm intendierte Wirkung umzusetzen, selbst wenn ich dabei von der vorgegebenen Textgestalt abweichen und die Poetizität der übersetzten Fassung auf anderen Wegen erreichen müsste. (Mehr dazu können Sie in meinem Nachwort zur Übersetzung erfahren.)

Übersetzerseminar zeigt kulturelle Unterschiede

Schnell wurde uns beiden klar, wie unterschiedlich man seinen Text in vielen Details und auch in der Gesamtaussage verstehen und deuten kann, und wir sahen, dass es unerlässlich war, ein Seminar mit allen gegenwärtig an dieser Erzählung arbeitenden Übersetzerinnen und Übersetzern ins Italienische, Spanische, Katalanische, Niederländische und Amerikanische durchzuführen.

Das konnte im Januar 2012 im Europäischen Übersetzerkollegium (EÜK) in Straelen stattfinden. Grossman las uns den gesamten Text in seiner Diktion vor, und wir besprachen gemeinsam Verständnis- und Übersetzungsprobleme. Die Aufnahmen von Grossmans Vorlesen existieren seitdem für spätere Kollegen, die bei diesem Treffen nicht dabei waren.

Deutlich wurde dabei, wie unterschiedlich die Sprachkulturen mit so starken Emotionen umgehen und wie groß das Wagnis ist, einen so persönlich und „ungeschützt“ geschriebenen Text zu transkulturieren.

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Anne Birkenhauer im Gespräch über „Aus der Zeit fallen“. SRF Sendung „52 beste Bücher“ von Felix Schneider, 24.11.2013. (Buchumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München)

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