Autorin Zeruya Shalev

צרויה שלו

Zeruya Shalev

Im Winter 2018 (bis dahin kannten wir uns nur flüchtig) fragte mich Zeruya Shalev, geboren 1959 in Jerusalem, ob ich bereit sei, ihren nächsten Roman zu übersetzen. Ihre langjährige Übersetzerin  Miriam Pressler war damals schon sehr krank und konnte nicht mehr weiterarbeiten.

Ich hatte zwar immer mal einige Seiten in ihren Büchern gelesen und sagte ihr, sie habe zwar eine faszinierend reiche Sprache, aber ich tue mich schwer mit der für mein Empfinden erbarmungslosen Art und Weise, wie sie ihre schwierigen, oft sehr negativen Charktere beschreibe. Ich wisse nicht, ob ich mich auf ihre innere Welt so tief einlassen wolle, wie es nötig ist, um einen Roman zu übersetzen.

Ich staunte selbst über meine so offenen Worte, doch daraus wurde ein längeres, sehr ehrliches Gespräch, an dessen Ende wir beschlossen, es miteinander zu versuchen. Ein Dialog. Ein Experiment. Der Beginn einer Freundschaft.

הכתיבה

Das Werk

Im Winter 2019/20 begann ich mit der Übersetzung ihres noch unfertigen Romans mit dem Arbeitstitel Schicksal. Während Zeruya schrieb übersetzte ich schon und wusste nicht, wie es mit der Handlung im zweiten Teil weiterging.

Schnell merkte ich aber, dass Zeruya das Hebräische auf eine sehr andere Art gebraucht, als ich es von meinen bisherigen Autoren kannte. Sie verwendet zwar auch zahlreiche Formulierungen, die auf biblischen Phrasen beruhen, was den Reichtum ihres Hebräisch ausmacht, aber sie benutzt diese Formulierungen, die unter den heute Schreibenden schon eher unüblich sind, so wie sie von säkularen Israelis verwendet werden: als feste, quasi idiomatische Wendungen der gehobenen Sprache, die nicht auf ihren Ursprung zurückverweisen.

Ich überprüfte das mit ihr bei vielen Wendungen, die in mir sofort die religiösen Kontexte, aus denen sie stammten, weckten und als Assoziationsfeld eröffneten, doch für sie waren es einfach selten gewordene und deshalb interessante, nicht abgegriffene, poetische Formulierungen.

התרגום

Die Übersetzung

Bei dieser Übersetzung musste ich also die in mir erwachenden biblischen Anklänge ignorieren, da sie von säkularen Israelis überhaupt nicht mitgedacht werden.

So stammt etwa die Formulierung „Die Härte des Urteils abwenden“ (lehaavir et roa ha-gsera) aus der Liturgie zum Neujahr, dem Gerichtstag, doch daran denkt die Autorin hier erklärtermaßen nicht, weshalb es in meiner Übersetzung dann auch ganz neutral heißt:  „Wäre es ihr damals gelungen, zu ihm durchzukommen und mit ihm zu reden, hätte er seine Meinung vielleicht geändert und das schlimme Verdikt abgewendet.“

Bestimmte Wörter und Formulierungen tauchen immer wieder auf

Andererseits fiel mir schon bei den ersten Seiten auf, dass bestimmte Wörter und Formulierungen auf eigentümliche Art immer wieder auftauchen und dadurch ganz unterschiedliche Personen und Geschehnisse im Roman miteinander verknüpfen.

Solches Verknüpfen von wiederkehrenden, manchmal nebensächlich erscheinenden Wörtern ist nun eine fest in der traditionellen jüdischen Lesekultur verankerte Technik: Um ein Wort an einer bestimmten Stelle in der Tora zu verstehen, schaut man nach, wo es sonst noch vorkommt und was man aus diesem zweiten Kontext für seinen Gebrauch an der ersten Stelle lernen kann. Darauf basiert die rabbinische Textauslegung.

Traditionelle jüdische Kulturtechnik

Zeruya Shalev verwendet also keine inhaltlichen Anspielungen auf biblische Stellen, wie man es aus Texten von Autoren wie Chaim Be’er kennt. Sie bedient sich aber einer traditionellen jüdischen Kulturtechnik und erzeugt damit das Gefühl der Schicksalhaftigkeit, der Unentrinnbarkeit, das den gesamten Roman trägt.

,Zeruya suchte von Anfang an eine sehr enge Zusammenarbeit mit mir und hat mich im Grunde nicht als ihre erste aber doch als eine der ersten Leserinnen zur Mitlektorin an ihrem Text gemacht. Sie bat mich, ihren Text nicht, wie ich es sonst tue, als unverrückbare Vorlage für die Übersetzung zu betrachten, sondern ihn kritisch zu lesen und Vorschläge für Straffungen, Umstellungen etc. zu machen. Das erfordert ein ganz anderes Arbeiten; die Grenze zwischen ihrem und meinem Text kann dabei zeitweise etwas verschwimmen. Daraus wurde ein spannendes Experiment, ein offener Dialog, eine herzliche Freundschaft.

הספר

Das Buch

Interimscover Buch Schicksal
Schicksal. Berlin Verlag 2021.

Mehr erfahren über …

Jehuda Amichai

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