
דויד גרוסמן:
אשה בורחת מבשורה
David Grossman:
Eine Frau flieht vor einer Nachricht
התרגום
Die Übersetzung
Der Roman ist, abgesehen von seiner sehr präsenten Geografie, Flora und Fauna, tief im israelischen Alltag der letzten 40 Jahre verwurzelt: Sei es die Atmosphäre der ideologischen Jugendbewegungen der 60er-Jahre, seien es Kinderlieder, Filme, Zitate aus der hebräischen Literatur, Radiosendungen, Slang oder Fachterminologie vom Militär, seien es politische Ereignisse oder typische Szenen des israelisch-palästinensischen Konflikts. All diese Anspielungen helfen den Lesern des Originals, sich in den vielen Zeitsprüngen zu orientieren. Für mich heißt es, dauernd kleine Zusatzinformationen einzuflechten, um den Lesern meiner Übersetzung, die diese Codes nicht erkennen, die Orientierung zu erleichtern.
Emotionale Auseinandersetzung der ÜbersetzerInnen
Ich möchte hier aber auch über einen anderen Aspekt meiner Arbeit reden, den ÜbersetzerInnen selten thematisieren: Nämlich unsere eigene emotionale Auseinandersetzung mit einem Text und ihr Einfluss auf die entstehende Übersetzung. Dies sind innere Vorgänge, mit denen wir bei Büchern wie diesem umgehen müssen in der Hoffnung, dass ein Echo dieses persönlichen Prozesses in der Übersetzung Widerhall findet.
Schon bei früheren Übersetzungen war es oft eine schwierige Erfahrung, die Autoren in meinen „Resonanzraum“ eintreten und ihre Gestalten in meiner Stimme lebendig werden zu lassen. Doch war es immer eine auf die Zeit der Arbeit begrenzte Erfahrung gewesen. Ich wusste beim Übersetzen, ich würde in meine eigene Lebenswirklichkeit zurückkehren, nicht unbedingt jeden Abend, nicht immer unversehrt, aber am Ende doch „heil“.
Einzig angemessener Ausdruck für die Realität
Nach und nach erlebte ich bei diesem Roman, dass die von Grossman als „Osmose“ beschriebenen fließenden Übergänge zwischen den Stimmen der einzelnen Gestalten, und auch die zwischen ihm als Erzähler und seinen Gestalten, wesentlich mehr als nur ein literarisches Prinzip sind. Sie sind der präziseste und einzig angemessene Ausdruck für die Realität, in der wir in Israel leben, also auch außerhalb des Romans.
Wenn ich abends das Buch zuschlage und den Computer abstelle, kann ich „der Lage“ nicht entfliehen, deren Einbruch ins Leben des Einzelnen dieser Roman so schonungslos beschreibt.
Kein Ort mehr für sichere Distanz
Einerseits musste ich beim Übersetzen hautnah herangehen, andererseits musste ich mich auch immer wieder auf Distanz zu dem entstehenden deutschen Text begeben, ihn kritisch betrachten, hinterfragen, redigieren. Doch für diese Distanz gab es keinen sicheren Ort mehr. Wo hätte der sein können, nachdem das Leben die Fiktion des Romans bereits überholt hatte? Das Schwierigste beim Übersetzen dieses Romans war, mir sechzehn Monate lang eine Illusion zu schaffen, in der ich kritische Distanz zu etwas halten konnte, zu dem ich längst jede Distanz verloren hatte.
Laudation Helmut Frielinghaus zum Albatros-Preis an Anne Birkenhauer (pdf)
Laudatio Patricia Reimann zum Jane Scatcherd-Preis an Anne Birkenhauer (pdf)