
תומר גרדי
Tomer Gardi:
Liefern
Liefern beruht auf Gardis dreijähriger Recherche in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin, Buenos Aires und Naivasha in Kenia. So entstanden fiktive Porträts von fünf Essenskurieren und einer Rosenpflückerin, die kunstvoll zu einem weltumspannenden Roman verflochten sind.
„Liefern ist alles andere als ein Elendsporno, keine sozialpolitische Anklageschrift, sondern eine witzig-rasante Reise an geografische, vor allem aber an gesellschaftliche Orte, die die meisten seiner Leser kaum je erblicken werden.“ (Eva Menasse)
Der Roman ist zu einem Drittel auf Hebräisch geschrieben, das ich übersetze habe, und zu zwei Dritteln auf Deutsch: Tomer Gardi hat sich hier sprachlich von seinem „Broken German“ verabschiedet und Standarddeutsch geschrieben, denn sein Roman ist nicht speziell in der deutschsprachigen Kultur verankert. Die literarische Herausforderung war diesmal, den lokalen Charakter, den Ton und das Tempo der sechs Weltstädte, in denen der Roman spielt, sprachlich einzufangen. So bat er mich, ihn bei seinem deutschen Stil zu begleiten.
העבודה המשותפת על החלקים בגרמנית
Die Arbeit am deutschen Text
Tomer Gardis Stil in regelkonformem Deutsch ist eine Fortschreibung poetischer Eigenheiten und Stilmerkmale, die er als sein Broken German bereits in zwei Romanen entwickelt hatte. Gemeinsam haben wir an Tomers deutscher Erzählerstimme gefeilt, die nun grammatikalisch zwar korrekt ist, aber weiterhin diese Stilmerkmale enthält und die Sprache vom Rande her denkt und spricht.
Was ist das ganz Eigene an Tomer Gardis deutschem Stil, wenn man seine sprachlichen „Fehler“ „korrigiert“?
Zuerst mussten wir herausfinden, worauf Tomers so ganz eigener Ton eigentlich beruht, was diese Stilmerkmale sind. Und dort, wo sie den Regeln der deutschen Sprache eklatant widersprachen, musste ich versuchen, sie so umzuformen, dass ihre vom Autor beabsichtigte Wirkung doch erhalten bleibt.
So ist es Tomer zum Beispiel sehr wichtig, wie die Bilder im Kopf des Lesers schrittweise entstehen, und zwar nicht nur Satz für Satz, sondern tatsächlich Wort für Wort. Das kollidiert nun immer wieder mit der deutschen Wortstellung, wo die Hauptbetonung nicht am Anfang, sondern eher am Ende liegt. Und so musste ich oft innerhalb des regulären Deutschen syntaktische Konstruktionen finden, mit denen sich das machen ließ.
Weitere typische Stil-Merkmale sind die fließenden Wechsel von direkter, indirekter und berichteter Rede. Zu wem die direkte Rede gehört, wird oft erst nachgeschoben. Oft „entmachten“ die Figuren auch den Erzähler, indem sie unvermittelt direkt dazwischenreden und ihr Ding selber sagen.
Für alle Bücher von Tomer gilt, dass er die – diesmal besonders zahlreichen – fremden Realien nicht erklärend einleitet; die Leserinnen und Leser müssen sie nach und nach aus dem Kontext erschließen und können so die Freude des Sich Annäherns und des Kennenlernens von Fremdem selbst erleben.
התרגום
Die Übersetzung
Im Mittelpunkt des hebräisch geschriebenen Teils, Mimesis, stehen zunächst zwei israelische Autoren, die in Berlin leben und zu einer Haartransplantation nach Istanbul fliegen – einer von ihnen heißt Tomer Gardi. Dort treffen sie Resul, einen Essenskurier, der Lehrer war, wegen des inoffiziellen Berufsverbots für kritische Geister in der Türkei aber nur als Kurier arbeiten kann.
Dieser hebräische Teil hat einen sehr anderen Duktus als die deutschen Teile. Zum einen schreibt Tomer Gardi auf Hebräisch sowieso einen ziemlich anderen Stil als auf Deutsch, den ich natürlich wiedergeben musste. (Man konnte das schon im letzten Buch Eine Runde Sache feststellen.)
Zudem wird der Autor hier zum Ich-Erzähler, er fällt sich also nicht mehr dauernd selbst ins Wort, schreibt vielmehr oft in langen Sätzen, die auf einen bestimmten Punkt zusteuern. Resul dagegen spricht sehr mündlich und emotional, oft in unvollständigen Sätzen, selbst wenn er manchmal langatmig erzählt.
Der Erzählungsaufbau ist in beiden Sprachen identisch: Tomers Texte arbeiten mit vielen Rückblenden in verschiedene Tiefen der Vergangenheit. Das ist auf Hebräisch, das überhaupt nur eine Vergangenheit kennt, ganz unproblematisch, wird aber im Deutschen schwierig, weil man die spannendsten Geschichten in dem grammatisch sehr ungelenken Plusquamperfekt erzählen müsste. Der Ausweg daraus war meistens, die Rückblenden am Anfang mit kleinen Zusatzinformationen sehr deutlich in ihrer jeweiligen Zeitebene zu verankern und dann die Geschichte im deutschen Erzähltempus Imperfekt zu bringen, um am Ende der jeweiligen Rückblende wieder ins Plusquamperfekt zu wechseln.

